
Team International: Sieben Schritte zu mehr Austausch an beruflichen Schulen
Auslandserfahrungen prägen junge Menschen. Das zeigt sich sofort, wenn Schüler von einem Schüleraustausch oder Praktikum im Ausland zurückkehren. Ihr Auftreten verändert sich spürbar. Doch um mehr Jugendlichen solche Erfahrungen zu ermöglichen, braucht es die Unterstützung von Schulen und Lehrkräften. Wie baut man internationale Strukturen an Schulen auf? Das Berufliche Schulzentrum Dachau (BSZ) zeigt, wie es funktioniert: Mit einem Team International, gezielter Unterstützung und einem klaren Fahrplan wird Internationalisierung Teil der Schulentwicklung.
Mehrwert für Schule und Schüler
„Wer mit 17 Jahren ins Ausland geht, kommt von der Reife her als 20-Jähriger zurück“, sagt Wolfgang Schwarzenberger, Geschäftsführer der Stiftung Jugendaustausch Bayern, und bringt die Wirkung internationaler Erfahrungen auf den Punkt. Auslandsaufenthalte stärken die sozialen und beruflichen Kompetenzen der Teilnehmer. Sie lernen, mit ungewohnten Situationen umzugehen und sich flexibel anzupassen.
Frank Ritzel, Schulleiter am Beruflichen Schulzentrum Dachau, erlebt die Veränderung bei Rückkehrern täglich: „Ein Blick ins Gesicht und ein kurzes Gespräch genügen, um zu wissen: Internationalisierung lohnt sich.“ Die Schüler kommen erwachsener, weltoffener und toleranter zurück. Mit einem Europass-Zertifikat können sie ihre Auslandserfahrungen bei Bewerbungen nachweisen und verschaffen sich damit einen klaren Vorteil.
Gerade in der Berufsbildung gewinnen internationale Kompetenzen zunehmend an Bedeutung. „Unternehmen denken global, deshalb sind Auslandserfahrungen in der Beruflichen Bildung unverzichtbar“, erklärt Robert Stolzenberg, Referatsleiter der EU-Bildungsprogramme beim Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB).
Trotz dieser klaren Vorteile zögern viele Schulen, den Anfang zu wagen. Die gute Nachricht: Es ist einfacher als gedacht.
Schritt 1: Kernteam finden und gemeinsam starten
Der wichtigste Schritt ist der erste: „Einfach anfangen, keine Angst haben“, ermutigt Claudia Trinkl, Mitglied im Team International Dachau. „Schauen Sie, welche zwei bis drei Kolleginnen oder Kollegen Interesse am Thema haben, und legen Sie einfach los.“
So haben es auch Claudia Trinkl, Silvia Penth und Jenny Hentschel gemacht. Die Lehrkräfte der Fächer Wirtschaft und Englisch am Beruflichen Schulzentrum in Dachau schlossen sich vor knapp zwei Jahren zum Team International der Schule zusammen. Auch Wolfgang Schwarzenberger, damals noch Lehrer am BSZ, war zunächst Teil des Teams. Ihr gemeinsames Ziel: durch die Ermöglichung von Auslandsaufenthalten für Lehrer und Schüler die Attraktivität der Schule erhöhen, junge Menschen beim Aufbau von Kompetenzen unterstützen und die Sprachvermittlung stärken.
Was macht ein gutes Team aus?
Ein funktionierendes Kernteam besteht aus zwei bis drei Personen mit klar verteilten Aufgaben. Denn je größer das Team ist, desto schwieriger wird die Abstimmung.
Mitbringen müssen die Teammitglieder vor allem Begeisterung für das Thema, weiß Schulleiter Ritzel. Er sagt: „Internationalisierung lässt sich nicht von oben herab delegieren. Sie muss aus der Begeisterung der Lehrkräfte wachsen.“ Ebenso entscheidend sind Organisationstalent, Offenheit für Neues, und Geduld sowie Kompromissbereitschaft und gegenseitige Wertschätzung für ein gutes Zusammenwirken im Team. „Zudem müssen die Lehrkräfte lösungsorientiert sein, ergänzt Jenny Hentschel. „Denn Schüler melden sich oft spontan mit Problemen.“
Schritt 2: Drei zentrale Fragen klären
Wolfgang Schwarzenberger empfiehlt dem Team, sich drei zentrale Fragen zu stellen, bevor es losgeht: Was ist das Ziel des Austauschs? In welches Land soll es gehen? Und wie wird der Mehrwert des Austauschs weiterverbreitet? Diese Fragen bildeten das Fundament für alle weiteren Schritte.
Schritt 3: Netzwerke und Finanzierung nutzen
Ein breites Netzwerk hat das Team International in Dachau bei der Durchführung von Auslandsaufenthalten organisatorisch und finanziell unterstützt. Relevant ist dabei vor allem Erasmus+, das wichtigste Förderprogramm für Auslandsmobilitäten.
Erasmus+ als Einstieg
Für die Finanzierung der ersten Auslandsmobilitäten nutzte das BSZ ein Erasmus+-Projektkonsortium. Robert Stolzenberg vom ISB erklärt, wie das funktioniert: „Bei einem Projektkonsortium wie Erasmus@ISB übernimmt eine erfahrene Institution, in diesem Fall das ISB, die Antragstellung bei Erasmus+ sowie die spätere Abrechnung. Die Schulen können sich dadurch komplett auf die Inhalte konzentrieren.“ Claudia Trinkl lobt diesen Ansatz: „Auf diese Weise konnten wir erste internationale Erfahrungen sammeln, ohne gleich die volle Verantwortung tragen zu müssen.“
Inzwischen strebt die Schule eine eigene Erasmus+-Akkreditierung an, um den Schülern und den Lehrkräften mehr und vielfältigere Auslandsmobilitäten zu ermöglichen. So lassen vorbereitende Besuche, Kurz- und Langzeitmobilitäten, Job Shadowing, Lehrtätigkeiten, Berufswettbewerbe, Partnerschaften und Kooperationen finanzieren. Das verschafft den Schulen deutlich mehr Flexibilität.
Weitere Anlaufstellen
Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Unterstützungsangebote. Die Stiftung Jugendaustausch Bayern hilft Schulen etwa beim Aufbau eines internationalen Teams, unterstützt sie mit einer Anschubfinanzierung ihrer Auslandsmobilitäten und begleitet ihren Übergang zu einer langfristigen Förderung mit Erasmus+. Außerdem beraten das Bayerische Kultusministerium und die Nationale Agentur beim BIBB Schulen zu Förderprogrammen und die ALP Dillingen bietet Fortbildungen für Lehrkräfte und Direktoren an. Zudem kann die Vernetzung mit auslandserfahrenen Schulen zum Erfahrungsaustausch wertvoll sein.
Schritt 4: Klein anfangen – mit Lehrkräften, nicht mit Schülern
Bevor Schüler ins Ausland gehen, sollten zunächst die Lehrkräfte selbst Erfahrungen und Kontakte sammeln. So lernen sie Partnerschulen kennen und bauen Vertrauen auf. Lehrkraftmobilitäten wie Job-Shadowings oder vorbereitende Besuche bieten dazu eine gute Möglichkeit, rät Robert Stolzenberg. Dieser Ansatz hat sich auch in Dachau bewährt. Schulleiter Frank Ritzel betont: „Es ist wichtig, mit kleinen Schritten zu starten und erstmal Erfahrungen zu sammeln. Geduld ist dabei entscheidend. Außerdem sollten die Mitglieder des Teams International regelmäßig Fortbildungen zu besuchen.“ Denn der Bereich ist dynamisch, man muss am Ball bleiben.
Inzwischen hat das Team International in Dachau Austauschmaßnahmen für Lehrer und Schüler in drei Ländern durchgeführt – nach Irland, Finnland und Griechenland. In Kouvola erhielten angehende Kinderpflegerinnen wertvolle Einblicke in das finnische Bildungssystem, in Dublin absolvierten Einzelhandel-Azubis internationale Praktika und auf Kreta fand eine Fortbildung für Lehrkräfte zur Vorbereitung eines Schüleraustauschs statt
Schritt 5: Unterstützung der Schulleitung und des Kollegiums sichern
Eine langfristige, erfolgreiche Internationalisierung der Schule funktioniert nur mit Rückendeckung der Schulleitung. Ihre Aufgabe ist es, Freiräume zu schaffen und Ressourcen bereitzustellen. In Dachau übernimmt das Sekretariat zur Entlastung des Teams International zum Beispiel einen Teil des Schriftverkehrs. Außerdem stellt Ritzel die Lehrkräfte des Teams International für Fortbildungen frei, „auch wenn das anderswo Vertretung kostet.“ Zudem ist eine wöchentliche Teamstunde fest im Stundenplan verankert. Diese Investition zahlt sich aus, denn gut geschulte Teammitglieder arbeiten effizienter.
Ein Team International braucht zudem die Unterstützung des gesamten Kollegiums. Regelmäßige Informationen über Lehrerkonferenzen schaffen Akzeptanz. „Das braucht Zeit und Geduld", sagt Claudia Trinkl. Je länger das Team besteht, desto mehr steigt die Anerkennung.
An großen Schulen mit vielen Fachbereichen empfiehlt Robert Stolzenberg eine geteilte Organisation: Das Team International kümmert sich um Finanzen und Verwaltung, Fachlehrer übernehmen die inhaltliche Planung in ihren Bereichen.
Schritt 6: Schüler begeistern
Die wichtigste Zielgruppe sind natürlich die Schüler selbst. Infoveranstaltungen und Erfahrungsberichte von Rückkehrern wecken ihr Interesse. Peer-to-Peer-Kommunikation ist oft die überzeugendste Werbung. „Persönlichen Geschichten fesseln die Jugendlichen sofort“, erzählt Claudia Trinkl. Jenny Hentschel ergänzt: „Wenn einer sagt, die Zeit im Ausland war cool, fängt der nächste an zu überlegen, ob das nicht auch etwas für ihn wäre. Es setzt oft einen Dominoeffekt in Gang.“
Silvia Penth kennt die positiven Veränderungen aus eigener Erfahrung. Sie sagt: „Ich selbst habe als Schülerin an einem Auslandaufenthalt teilgenommen, bin dadurch weltoffener geworden und habe mich in meiner Persönlichkeit enorm weiterentwickelt.“ Von Auslandsmobilitäten profitieren Jugendliche aus nicht-gymnasialen Schulformen besonders.
Schritt 7: Langfristig verankern
Internationalisierung darf kein vorübergehendes Projekt sein. Eine Integration ins Qualitätsmanagement der Schule schützt davor, Internationalisierung als kurzfristigen Trend zu betrachten oder personenabhängig aufzustellen und sichert die dauerhafte Verankerung. Diesen Ansatz verfolgt auch das Berufliche Schulzentrum in Dachau.
Systematische Vorbereitung, Durchführung und Reflexion sichern die Qualität der Schüleraustausche oder Praktika. Das Dachauer Team nutzt für die Organisation Online-Tools wie TaskCard und für die Evaluation Fragebögen sowie Rückmeldungen der Partnerschulen. „So bekommen wir ein gutes Gesamtbild“, erklärt Silvia Penth.
Fazit: Projekt für Projekt vorangehen
Die Erfolgsformel des Team International in Dachau fasst Claudia Trinkl wie folgt zusammen: „Wir gehen Projekt für Projekt voran.“ Was in Dachau mit vier motivierten Lehrkräften begann, ist heute ein Teil der Schulstrategie und ermöglichte bereits Dutzenden Schülern prägende Auslandserfahrungen.
Das Beispiel aus Dachau zeigt: Mit einem engagierten Kernteam, der richtigen Unterstützung und einem klaren Fahrplan kann jede berufliche Schule in Bayern ein internationales Team aufbauen.


