Jürgen Hutfles begleitete erstmals einen internationalen Schüleraustausch. Er reiste mit vier Auszubildenden in den Senegal. Dort installierten sie in Kaffrine, rund 350 Kilometer von der Hauptstadt Dakar entfernt, Solaranlagen auf einem Schuldach. Mit dabei waren Gymnasiasten aus Nizza sowie Schüler einer Technischen Oberschule aus Dakar. Im Interview erzählt Hutfles, wie es zu dieser außergewöhnlichen Kooperation in der beruflichen Bildung kam.
Sie sind seit 2009 Lehrkraft an der Berufsschule 1 in Nürnberg. Der Senegal-Austausch war Ihr erster internationaler Schüleraustausch. Wie entstand dieses Projekt?
Mein Schulleiter wurde über die Städtepartnerschaft zwischen Nürnberg und Nizza angefragt, ob unsere Schule Interesse an einem gemeinsamen Energie-Projekt im Senegal hätte. Mit unserem Schwerpunkt Elektrotechnik waren wir dafür prädestiniert. Ich hatte beruflich bereits mit Photovoltaik und erneuerbaren Energien gearbeitet. Deshalb kam er auf mich zu.
Meine erste Reaktion war: Manche Chancen gibt es nur einmal. Den Senegal hatte ich nie als Reiseziel im Kopf. Aber ich dachte: Warum nicht? Ich war noch nie in Afrika. Wenn die Familie mitspielt, wollte ich diese Erfahrung machen.
Sie sprechen kein Französisch und hatten Bedenken wegen der Sprachbarriere. Wie lösten Sie diese Herausforderung?
Mein Schulleiter hatte die pragmatische Idee, französischsprachige Auszubildende für unser Schüler-Team zu suchen. Zwei von vier Teilnehmern waren Muttersprachler und lernen den Beruf des Mechatronikers im zweiten Ausbildungsjahr. Das erleichterte die Kommunikation enorm. Die anderen beiden wählten wir nach fachlichen Kriterien aus: Elektroniker für Energietechnik (3. Ausbildungsjahr) und Elektroniker für Betriebstechnik (2. Ausbildungsjahr). Eine gute Mischung aus Industrie und Handwerk. Obwohl ich vorher nur einen der Auszubildenden kannte, funktionierte das Team von Anfang an.
Wie reagierten die Ausbildungsbetriebe auf die Anfrage, ihre Auszubildenden für zwei Wochen freizustellen?
Sehr kooperativ. Bei den städtischen Betrieben war es einfach, da die Stadt Nürnberg das Projekt mitinitiiert hatte. Auch die anderen Ausbilder erkannten schnell den Mehrwert für ihre Auszubildenden.
Wie sah das Programm vor Ort aus?
Die ersten zwei Tage nutzten wir zum Ankommen und Kennenlernen. Dann arbeiteten wir acht Tage lang in Kaffrine. Es hatte fast 40 Grad im Schatten! Das war die ersten Tage hart, aber der Körper gewöhnte sich daran. Ich übernahm die Dacharbeiten und arbeitete ohne Gerüst – nur mit Sicherungsleinen. Die Auszubildenden arbeiteten am Boden und verlegten Kabel, montierten und verkabelten. Meinen ältesten Schüler Nils setzte ich als meine rechte Hand ein. Er hatte die meiste Erfahrung und leitete die anderen Schüler an. Nach der Übergabe der Solaranlage hatten wir noch zweieinhalb Tage Zeit in Dakar für ein kulturelles Programm.
„Die Auszubildenden verstanden, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt.“
Was waren die größten Hürden beim Schüleraustausch?
Die größte Herausforderung war das Material, das wir vor Ort vorfanden. Es entsprach oft nicht dem, was wir aus Deutschland kannten. Ein Beispiel: Die französischen Kollegen hatten die Presszange für Kabelschuhe vergessen. Ohne gepresste Kabelschuhe kann man jedoch keinen Wechselrichter und keine Batterie an die Solaranlage anschließen. Wir improvisierten und pressten die Kabelschuhe mit Hammer und Meißel. Ich bezog die Auszubildenden bewusst in den Problemlösungsprozess ein. Solche Situationen waren extrem lehrreich. Sie verstanden, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt.
Wie funktionierte die Zusammenarbeit mit den französischen und senegalesischen Schülern?
Hervorragend. Sie hatten keinerlei Berührungsängste. Wir bildeten gemischte Teams aus Deutschen, Senegalesen und Franzosen, die sich gut ergänzten.
Unsere Auszubildenden kannten sich mit Werkzeug und Material aus. Die französischen und senegalesischen Schüler, die vom Gymnasium oder technischen Hochschulen kamen, besaßen diese Praxiserfahrung nicht. So wirkten unsere Auszubildenden als Hilfslehrerund gaben ihr praktisches Wissen weiter. Die französischen Schüler steuerten dafür ihr theoretisches Wissen bei, die Senegalesen kannten die örtlichen Gegebenheiten. Jeder brachte seine Stärken ein.
Welches Feedback erhielten Sie von Ihren Schülern?
Alle vier sagten, dass sie fachlich, aber auch fürs Leben, wahnsinnig viel gelernt hätten. Sie lernten, aus jeder Situation das Beste zu machen, etwa in ungewohntem Umfeld oder bei unzureichendem Material. Diese Fähigkeit ist in unserer digitalisierten Welt, in der alles immer sofort verfügbar ist, besonders wertvoll. Im Senegal mussten die Auszubildenden eigene Entscheidungen treffen, ohne etwas nachschlagen zu können.
Was nahmen Sie persönlich von diesem Austausch mit?
Ich sehe Senegal heute mit völlig anderen Augen. Der Pragmatismus der Menschen beeindruckte uns alle. Kinder bauten Wippen aus Brettern und Baumwurzeln oder Spielzeug aus alten Kartons. Mit einfachsten Mitteln fanden sie eine Freude und Zufriedenheit, die wir in der industrialisierten Welt oft verloren haben.
„Lehrkräfte sollten Jugendaustausch-Projekte in der beruflichen Bildung durchziehen.“
Was raten Sie anderen Lehrkräften, die einen solchen Austausch planen?
Einfach machen! Es gibt Herausforderungen wie sprachliche Barrieren, organisatorische Hürden oder gesundheitliche Risiken, aber der Mehrwert für die Auszubildenden ist unbezahlbar. Leider brachte ich einen resistenten Keim mit, mit dem ich monatelang zu kämpfen hatte. Meine Auszubildenden blieben zum Glück verschont.
Sie sollten sich bewusst sein, dass es keine Pauschalreise ist, sondern harte Arbeit unter schwierigen Bedingungen. Aber genau das macht den beruflichen Austausch so wertvoll. Außerdem finde ich es wichtig, seine Familie rechtzeitig miteinzubeziehen. Denn 14 Tage Abwesenheit müssen auch privat gut organisiert werden.
Können Sie sich vorstellen, in Zukunft erneut einen Schüleraustausch zu begleiten?
Prinzipiell ja, es muss natürlich alles passen. Trotz aller Herausforderungen ist mein Fazit klar: Lehrkräfte sollten Jugendaustausch-Projekte in der beruflichen Bildung durchziehen. Sie erweitern den Horizont und fördern die Persönlichkeitsentwicklung. Der Mehrwert für die Schüler ist enorm.
Unsere Berufsschule organisiert bereits internationale Schüleraustausche mit Atlanta, Kroatien und Österreich. Alle Auszubildenden kommen verändert zurück. Diese Erweiterung ihres Horizonts ist unbezahlbar für junge Menschen, die sonst nur ihre Firma kennen.