
Wirtschafts- und Englischlehrer Florian Griesbeck organisierte für seine 11. Klassen der Fachoberschule Straubing einen Bayerisch-Tschechischen Schulaustausch mit der Handelsakademie Kroměříž. Im Interview erzählt er, welche eigenen Erfahrungen ihn dazu motivierten, wie Tschechien als Austauschland ankam und welcher Moment ihn besonders bewegte.
Was motivierte Sie dazu, einen Schüleraustausch mit Tschechien durchzuführen?
Die Erfahrungen aus meiner eigenen Schulzeit. Ich bin auf einem Bauernhof in Straubing groß geworden. Als Kind war ich nie im Urlaub. Wir sind mal einen Tag nach Österreich gefahren, aber das war’s.
Der Wendepunkt war, als ich an einem Austausch meiner Schule mit Tuam im Westen Irlands teilnahm. Ich wohnte zwei Wochen bei einer irischen Gastfamilie, anschließend verbrachte mein Austauschpartner zwei Wochen bei mir. Diese Erfahrung prägte mich nachhaltig. Bis zu diesem Zeitpunkt war mein Englisch unglaublich schlecht, heute bin ich Englischlehrer! Den Grundstein dafür legte dieser Austausch.
Aus diesem Grund möchte ich heute meinen Schülern solche Erfahrungen ermöglichen. Vor ein paar Jahren organisierte ich an unserer Schule einen Austausch mit Schweden mit Erasmus+. Doch Flugreisen sind mittlerweile schwer kalkulierbar geworden. Darum wollte ich den nächsten Austausch etwas einfacher halten und da kam mir Tschechien als Austauschland sehr gelegen.
„Bis zu meinem Schüleraustausch in Irland war mein Englisch unglaublich schlecht, heute bin ich Englischlehrer! Ich wollte meinen Schülern ermöglichen, was mich selbst prägte."
Wie kamen Sie denn auf Tschechien als Austauschland?
Das war Zufall. Das Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch Tandem lud unsere Schule zu einem Netzwerktreffen in Prag ein, bei dem es darum ging, eine Partnerschule zu finden. Prag liegt nicht weit von uns entfernt und so durfte ich teilnehmen.
Dort lernte ich die Kollegin von der Handelsakademie in Kroměříž kennen. Das passte von den Ausbildungsrichtungen, dem Alter der Schüler und menschlich gut. Wir bilden in Wirtschaft und Technik aus, die Schule in Kroměříž in Wirtschaft und IT. An beiden Einrichtungen sind die Schüler zwischen 17 und 19 Jahren alt und bekommen mit dem Abschluss eine Hochschulzugangsberechtigung. Und auch auf persönlicher Ebene war es ein Match. Bei dem Netzwerktreffen stellte Tandem zudem das Förderprogramm „Bayerisch-Tschechischer Schulaustausch“ aus Mitteln der Stiftung Jugendaustausch Bayern vor, aus dem wir den Austausch finanzierten.
Was waren die größten Herausforderungen bei der Organisation?
Im ersten Jahr war es wirklich schwierig, die Schüler für Tschechien zu begeistern. Als ich in die Klasse ging und sagte, wir bieten einen Schüleraustausch an, war die Freude erst groß. Doch als sie hörten, dass es nicht nach Italien, Spanien oder England geht, sah es schon anders aus. Auch die Unterbringung bei Gastfamilien sorgte für wenig Euphorie. Ich hatte Mühe, genügend Teilnehmende zu finden. Im zweiten Jahr ging es dann besser, weil die Schüler vom Vorjahr von ihren positiven Erfahrungen erzählen und Ängste nehmen konnten. Ich hoffe, das wird nun von Jahr zu Jahr leichter.
„Im ersten Jahr war es wirklich schwierig, die Schüler für Tschechien zu begeistern, im zweiten ging es besser."
Wie integrierten Sie den internationalen Austausch organisatorisch?
Der Austausch fand mit der 11. Klasse unserer Fachoberschule statt. In dieser Klassenstufe machen die Schülerinnen und Schüler eine fachpraktische Ausbildung. Das heißt, sie haben immer zwei Wochen Unterricht und zwei Wochen Praktikum. Wir haben den Austausch so verankert, dass er jeweils in der Praktikumszeit stattfindet, erst eine Woche in Kroměříž, dann eine Woche in Straubing. Somit fällt kein Unterricht aus.
Wie sah das Programm vor Ort aus?
Es war uns wichtig, beim Schüleraustausch in beiden Ländern praktikumsorientierte Inhalte anzubieten. Letztes Jahr organisierten wir Praktika in Betrieben. Aufgrund der kurzen Dauer war es jedoch schwierig, Unternehmen dafür zu finden und auch der Mehrwert für die meisten Schüler war gering. Daher boten wir in diesem Jahr Workshops zu 3D-Druck, Programmierung und Robotik an. Daneben gab es Betriebsbesuche bei einem Schuhproduzenten, einem Ski- und einem Reifenhersteller.
Natürlich gehörte auch ein Kultur- und Freizeitprogramm zum Aufenthalt, mit Stadtbesichtigungen, Grill- und Bowlingabend. Nach dem offiziellen Programm organisierten die Schüler viele gemeinsame Aktivitäten eigenständig. Dabei lernen sie sich immer am besten kennen.
„Für die Schüler ist es gut, wenn sie keinem Muttersprachler gegenüberstehen, denn dann ist die Hemmschwelle niedriger.“
Wie verständigten sich die Schüler untereinander?
Nur eine meiner Schülerinnen konnte Tschechisch, weil ihre Eltern aus dem Land stammen, und ein paar tschechische Schüler konnten etwas Deutsch. Ansonsten war Englisch die Arbeitssprache und das funktionierte hervorragend. Für die Schüler ist es gut, wenn sie keinem Muttersprachler gegenüberstehen, denn dann ist die Hemmschwelle niedriger. Sie merken, dass die anderen auch Fehler machen und trauen sich, mehr zu sprechen. Dabei muss nicht immer alles grammatikalisch korrekt sein.
Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Auslandsaufenthalt für Ihre Schülerinnen und Schüler?
Mir geht es darum, dass sie ihre Komfortzone verlassen und weltoffener werden. Sie sollten ihren Horizont erweitern, selbstständiger werden und Vorurteile abbauen. Ein bisschen Mut gehört schon dazu, um eine Woche in ein fremdes Land zu reisen, in dem man die Sprache nicht spricht, und bei einer unbekannten Familie zu wohnen. Das Feedback der Teilnehmenden zeigte, dass sie das nach dem Aufenthalt auch wertschätzen konnten.
„Viele hatten vorher keine Vorstellung von Tschechien. Dabei sind wir von Straubing aus in 40 Minuten im Nachbarland.“
Was war denn ihr Feedback?
Ich sammelte das Feedback schriftlich und anonym ein und es war durchweg positiv. Die meisten bedankten sich, dass sie dabei sein durften und gaben an, dass sie es auf jeden Fall wieder machen und weiterempfehlen würden. Sie fanden es toll, einfach mal herauszukommen.
Viele sagten, sie hatten vorher keine oder eine ganz andere Vorstellung von Tschechien. Dabei sind wir von Straubing aus in 40 Minuten mit dem Auto im Nachbarland.
Interessant fand ich auch die Rückmeldung von einem Jugendlichen, der schrieb, dass er jetzt erkenne, wie schön es daheim in Niederbayern ist und dass die Gegend doch mehr zu bieten habe, als er vorher dachte. Eine Schülerin meinte, sie wisse es jetzt mehr zu schätzen, in einem Einfamilienhaus mit Garten zu wohnen statt in einem Plattenbau im siebten Stock wie bei ihrer Gastfamilie. Ich finde es schön, dass sie so etwas jetzt mehr würdigen.
Was war Ihr persönliches Highlight während des Austauschs?
Besonders bewegend fand ich den Moment, als sich meine Schüler am Bahnhof in Straubing von den tschechischen Jugendlichen verabschiedeten. Sie umarmten sich herzlich und es floss die ein oder andere Träne. Dabei ist mir bewusst geworden, dass in den zwei Wochen etwas zusammengewachsen ist. Es war für mich die Bestätigung, dass der Austausch gefruchtet hat.


