Koordinatorinnen von Exchange2Change und Lehrerinnen der drei Kemptner Berufsschulen
„Wir werden weitere Erfahrungen austauschen“
Mareike Bösenberg, Felizitas Hartmann und Andrea Spitzner
England
Lehrkräfte

Beim Programm „Exchange2Change – Shaping Future Vocational Pathways“ des Goethe-Instituts London begegnen sich Auszubildende aus Kempten (Allgäu) und Burton-upon-Trent (England) in beiden Städten. Lehrerinnen aus drei Kemptner Berufsschulen koordinierten den bayerischen Teil des Austauschs gemeinsam. Im Interview berichten Mareike Bösenberg (BS 1, Druck- und Medientechnik), Andrea Spitzner (BS 2, Einzelhandel und Zahnmedizin) und Felizitas Hartmann (BS 3, Kinder- und Sozialpflege), wie das funktionierte und welche beruflichen Erkenntnisse sie und die Schülerinnen und Schüler mitnahmen.

Wie kam die Kooperation Ihrer drei Schulen zustande?

Bösenberg: Das Goethe-Institut London kam mit dem Wunsch auf unsere Berufsschulen zu, die ersten fünf Tage der Begegnung in Kempten durchzuführen. Exchange2Change gibt es schon länger, doch in diesem Jahr sollte es erstmals in Bayern stattfinden. Dieses Angebot nahmen wir mit Freude an.

Hartmann: Wir Lehrerinnen kannten uns vorher nicht. Zwar gab es bereits die eine oder andere Schnittstelle zwischen unseren Schulen, aber die Lehrerkollegien arbeiten sonst für sich. Das Projekt hat uns eng zusammengebracht.

Was hat Sie am Programm „Exchange2Change“ überzeugt?

Spitzner: An unserer Schule konnten die Jugendlichen bisher nur ein dreiwöchiges Auslandspraktikum mit Erasmus+ machen. Um daran teilnehmen zu können, benötigen die Teilnehmer viel Urlaub oder Überstunden. Die bayerisch-britische Begegnung ist eine hervorragende Alternative. Die Schüler verbringen fünf Tage in Kempten, wo sie die Betriebe besichtigen, hospitieren und am Unterricht teilnehmen, und fünf Tage in Burton-upon-Trent, wo sie die Berufsausbildung an den Colleges kennenlernen. Die bayerischen Betriebe brauchen die Auszubildenden nur für die Woche in England freizustellen. Das macht es ihnen viel leichter, Auslandserfahrungen zu sammeln.

Bösenberg: Bei uns ist es anders: Die Berufsschule 1 bietet internationale Programme mit vielen Ländern an, allerdings sind die Mediengestalter dabei meist außen vor. Der Grund ist, dass man in den meisten Ländern ein Studium für den Job braucht. Es war toll, dass dies bei dem Englandaustausch anders war. Exchange2Change war zudem komplett kostenfrei. Dadurch konnten wir Schüler mitnehmen, deren Eltern die finanziellen Mittel für andere Formate fehlen.

„Exchange2Change war komplett kostenfrei. Dadurch konnten wir Schüler mitnehmen, deren Eltern die finanziellen Mittel für andere Formate fehlen.“

Welche Ziele verfolgten Sie mit dem Austausch für Ihre Schülerinnen und Schüler?

Hartmann: Einerseits war uns die kulturelle Begegnung wichtig. Die Auszubildenden sollten mal rauskommen, Großbritannien und die Kultur erleben und die Sprache anwenden. Andererseits sollten sie neue berufliche Erfahrungen sammeln und erfahren, wie ihr Beruf in England funktioniert und wo Unterschiede und Gemeinsamkeiten liegen.

Wie lief die Planung ab?

Bösenberg: Fahrt, Unterkunft und Rahmenprogramm in Deutschland und England organisierte das Goethe-Institut. Wir Lehrerinnen kümmerten uns um die Hospitationen in den Betrieben sowie um Unterricht und Programm an unseren Schulen. Am Anfang gab es ein paar Unklarheiten darüber, wer was macht. Aber nun wissen wir, wie der Hase läuft und sind für das Programm im nächsten Schuljahr gut gerüstet. Ein Beispiel: Wir planten unser Programm immer ab acht Uhr morgens. Aber die Engländer waren es nicht gewohnt, so früh anzufangen. Wir konnten unser Programm erst gegen zehn starten und hatten deshalb nur ein kurzes Zeitfenster bis zum Mittagessen.

Welche beruflichen Erkenntnisse nahmen Ihre Auszubildenden mit?

Bösenberg: Der größte Unterschied zwischen beiden Ländern war die Ausbildungsform. In England gibt es kein duales System wie bei uns. Dort findet die Ausbildung komplett am College statt. Diese waren deshalb sehr gut ausgestattet und boten viele interessante Projekte an. Das fanden unsere Schüler spannend. Umgekehrt fanden es die Engländer faszinierend, dass unsere Azubis von Tag eins im Betrieb mitarbeiten. Sie kennen sich richtig gut aus, wenn sie später eine Stelle antreten, während sich die College-Studenten oft schwertun, ihr umfangreiches Wissen in die Praxis zu übertragen. Ein weiterer Unterschied, bereicherte beide Seiten: Die englischen Auszubildenden kamen aus dem Film-, unsere Jugendlichen aus dem Printbereich.

Hartmann: Es war ein Geben und Nehmen. Unseren angehenden Kinder- und Sozialpflegern blieb etwa das komplett ausgestattete Übungskrankenhaus in Burton-upon-Trent in Erinnerung, an denen die Auszubildenden an Puppen arbeiten konnten. Die Jugendlichen aus Großbritannien sahen dagegen, wie wir im Fach Werken und Gestalten pädagogische Konzepte entwickeln, die die Azubis direkt im Kindergarten umsetzen.

Spitzner: Meine zwei Einzelhandelsschülerinnen trauen sich jetzt, mit englischsprachigen Kunden zu kommunizieren. Vorher drückten sie sich davor. In den zwei Wochen sprachen sie viel Englisch und wissen jetzt: Ich kann das. Die Betriebe waren begeistert.

„Meine Schülerinnen trauen sich jetzt, mit englischsprachigen Kunden zu kommunizieren.“

Welche Unterschiede zwischen Deutschland und England sind Ihnen aufgefallen?

Bösenberg: Mich als Lehrerin faszinierte, dass das College in England wie eine Firma geführt wird. Die Lehrkräfte verfügen über 20 bis 30 Urlaubstage wie andere Angestellte, lange Sommerferien gibt es nicht.

Spitzner: Für die englischen Schüler gibt es außerdem eine Art Gleitzeit. Sie können zwischen neun und halb zehn am College erscheinen. Bis alle da sind, erledigen die anderen Vorarbeiten. Das Filmteam schneidet zum Beispiel schon Material und die Kaufleute arbeiten an einer Präsentation. So etwas kennen wir in deutschen Berufsschulen nicht.

Was war Ihr persönliches Highlight?

Spitzner: Mein Highlight war zu sehen, wie schnell sich die Jugendlichen aus beiden Ländern anfreundeten. Nach dem ersten gemeinsamen Abend im Hotel, stießen wir Lehrkräfte erst beim Frühstück dazu. Da redeten und lachten sie schon wie alte Bekannte. Das fand ich wirklich beeindruckend.

Bösenberg: Für mich persönlich war das Schönste, was nach der Begegnung passierte: Ein frisch verliebtes deutsch-englisches Pärchen besuchte sich an Ostern. Aber auch andere Schüler möchten sich wieder mit den englischen Azubis treffen. Manche fahren sogar gemeinsam in den Urlaub. Der Austausch ist also noch nicht vorbei, die Kontakte bestehen weiterhin. Diese Nachhaltigkeit begeistert mich.

„Der Austausch ist noch nicht vorbei, die Kontakte bestehen weiterhin.“

Was können andere Berufsschulen aus Ihren Erfahrungen lernen?

Hartmann: Die Zusammenarbeit mit anderen Schulen kann sehr hilfreich sein. Wir kennen uns jetzt und werden weitere Erfahrungen austauschen, zum Beispiel zu Erasmus+.

Bösenberg: Schulpartnerschaften mit anderen Ländern sind an Gymnasien längst Standard, doch nicht an Berufsschulen. Dabei sind unsere Schüler genauso neugierig und offen. Deshalb ist es wichtig, auch die berufliche Ausbildung in den Blick zu nehmen.