Austausch in Präsenz, online oder hybrid?
Digitale Formate haben sich seit der Corona-Pandemie als Alternative zu physischen Begegnungen im internationalen Jugend- und Schüleraustausch etabliert, denn sie bieten einige Vorteile. Doch können sie klassische Präsenztreffen wirklich ersetzen? Oder ist eine Kombination aus Online-Format und Zusammentreffen vor Ort (die sogenannte hybride Begegnung oder Blended Mobility) der Königsweg? Wir erklären, welches der drei Formate sich wann eignet.
Das klassische Präsenztreffen: Bei jungen Menschen am beliebtesten
Den Koffer packen, in Flugzeug, Bus oder Zug steigen und unvergessliche Momente im Ausland sammeln: Davon träumen die meisten jungen Menschen. Das zeigen die Zahlen der Eurodesk Youth Info Survey 2025.
Für die Studie befragte das europäische Informationsnetzwerk über 7.000 junge Menschen zwischen 13 und 35 Jahren aus 36 europäischen Ländern. Von diesen gaben 97 Prozent an, dass sie am liebsten an einem Jugendaustausch in Präsenz teilnehmen würden. Besonders 16- bis 29-Jährige in Städten bevorzugten die klassische Mobilität. An hybriden Begegnungen – definiert als eine Mischung aus Online- und Auslandsaktivitäten – waren in der Umfrage dagegen nur 65 Prozent interessiert, ein rein digitales Format fand lediglich bei einem Drittel Anklang.
Der Austausch vor Ort bietet viel: Jugendliche erleben die Kultur in einem fremden Land hautnah, lernen praktische neue Worte für den Alltag und knüpfen Freundschaften, die teilweise ein Leben lang halten. Besonders eng ist der Kontakt bei der Unterbringung in einer Gastfamilie. Die persönliche Begegnung schafft eine emotionale Tiefe, die über den Bildschirm nur schwer herzustellen ist.
Die persönliche Begegnung schafft eine emotionale Tiefe, die über den Bildschirm nur schwer herzustellen ist.
Ein Nachteil der Präsenzbegegnung sind die hohen Reise- und Unterbringungskosten. Viele junge Menschen können nur mitreisen, wenn sie eine entsprechende Förderung erhalten. Zudem erfordern Präsenzbegegnungen viel Zeit sowie Reisebereitschaft und sind für Jugendliche mit gesundheitlichen Einschränkungen schwierig zu realisieren. Digitale Formate sind deshalb besser geeignet, wenn möglichst viele junge Menschen teilhaben sollen.
Online-Formate: Mehr Teilhabe, weniger Verbindlichkeit
Wenn politische Krisen, Kriege oder Einreisebeschränkungen die Reisepläne durchkreuzen, sind digitale Formate die einzige Möglichkeit, um Austausch zwischen Jugendlichen aus mehreren Ländern zu ermöglichen. Sie eignen sich aber auch, um internationale Begegnungen zugänglicher zu gestalten, zum Beispiel um Personen mit geringem Familieneinkommen, wenig Zeit oder Behinderung einzubinden.
Online-Simultandolmetscher ermöglichen es, dass sich junge Menschen in virtuellen Treffen auch ohne oder mit geringen Sprachkenntnissen austauschen können. Zudem fördern Online-Formate die Medienkompetenzen der Teilnehmenden. Ein weiterer Vorteil für organisierende Lehrkräfte oder Jugendleiter: Rein digitale Formate sind wesentlich weniger aufwendig und lassen sich deshalb schneller umsetzen. Neben den Menschen profitiert die Umwelt von Online-Formaten, denn ohne Reise entstehen weniger CO₂-Emissionen.
Organisatoren können Austauschpartnerschaften durch digitale Methoden über lange Zeiträume lebendig halten.
Die Möglichkeiten zum Austausch sind vielfältig. Die Teilnehmenden können sich im Kochwettbewerb per Videoschalte messen, den Austauschpartnern ihr Viertel, ihr Jugendzentrum oder ihre Schule in Live-Rundgängen zeigen oder Ideen für ein gemeinsames Projekt auf einer virtuellen Pinnwand sammeln. Über Chat-Dienste bleiben sie zwischen den digitalen Treffen kontinuierlich im Austausch. Auf diese Weise können Organisatoren Austauschpartnerschaften über lange Zeiträume lebendig halten.
Wichtig ist jedoch ein durchdachtes Drehbuch, das die Jugendlichen motiviert. Denn die Verbindlichkeit ist bei reinen Online-Formaten deutlich geringer als bei echten Begegnungen. Kamera oder Mikrofon können jederzeit abgeschaltet werden. Außerdem müssen Lehrkräfte oder Fachkräfte der Jugendarbeit vor der Begegnung sicherstellen, dass alle Teilnehmenden über die notwendigen technischen Endgeräte und Möglichkeiten sowie Räumlichkeiten verfügen oder ihnen diese bereitstellen. Schlechte Internetverbindungen, fehlende Rückzugsorte zu Hause oder Einschränkungen durch Seh-, Sprach- oder Hörbehinderungen schaffen sonst neue Teilnahmehürden.
Hybride Begegnung: Das Beste aus beiden Welten
Die hybride Austauschform oder Blended Mobility verbindet die Stärken des Digitalen mit dem Mehrwert persönlicher Begegnung. Der Austausch wird durch digitale Vor- und Nachbereitung sowie Begleitung ergänzt und intensiviert.
Die hybride Begegnung oder Blended Mobility verbindet die Stärken des Digitalen mit dem Mehrwert persönlicher Begegnung.
Elemente des hybriden Austauschs kommen häufig bei Jugend- oder Schüleraustausch zum Einsatz. Das hat gute Gründe: Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte oder Jugendgruppen und Sozialpädagogen können sich bereits vor dem Besuch im Ausland oder der Begegnung in Deutschland per Videochat oder -botschaft kennenlernen. Im Nachgang helfen digitale Tools, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Während der Begegnung ist es möglich, Ergebnisse oder Erfahrungen digital zu dokumentieren und im Internet mitzuverfolgen. Schulen aus der EU können hierfür die digitale Projektplattform eTwinning von Erasmus+ nutzen.
Laut Eurodesk Youth Info Survey 2025 stoßen hybride Formate, ebenso wie digitale, europaweit vor allem bei älteren Personen von 24 bis 35 Jahren, Frauen, Hochschulabsolvierenden sowie Jugendlichen mit geringeren wirtschaftlichen Ressourcen auf Interesse. Sie sind jedoch prinzipiell geeignet, jeden Austausch zu bereichern, wenn allen Teilnehmenden die entsprechenden technischen Möglichkeiten zur Verfügung stehen.
Fazit: Es kommt auf die Zielgruppe an
Präsenzbegegnungen wirken am stärksten, aber sie erreichen nicht alle jungen Menschen. Werden digitale Formate klug eingesetzt, eignen sie sich, um den Kreis der Teilnehmenden zu erweitern und so Austausch für alle möglich zu machen. Das niedrigschwellige Angebot bietet sich deshalb vor allem als Einstieg in einen Jugend- oder Schüleraustausch an, dem später persönliche Begegnungen folgen. Digitale Formate sind die perfekte Alternative, wenn Reisen, etwa aus politischen Gründen, kurzfristig nicht möglich sind.
Hybride Formate sind geeignet, um internationalen Austausch über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten und Präsenzbegegnungen inhaltlich zu bereichern, etwa in Projektarbeiten. Voraussetzung hierfür ist, dass die digitalen Möglichkeiten an der Schule, im Jugendzentrum oder in den Familien der Teilnehmenden gegeben sind. Lehrkräfte und Fachkräfte der Jugendarbeit sollten sich daher überlegen, inwiefern sie ihren Jugend- oder Schüleraustausch sinnvoll mit Online-Formaten ergänzen können.