Von touristischen Ausflügen zu echten Begegnungen: Magdalena Stemplinger von der Realschule am Fränkischen Dünenweg in Röthenbach und Kathleen Dupuy-Roudel vom Collège Marcellin Berthelot in Bègles krempelten ihren deutsch-französischen Schüleraustausch nach den ersten Erfahrungen komplett um. Die beiden Lehrkräfte berichten, was sie dazu bewegte.
Wie kam der Kontakt zwischen Ihren Schulen zustande?
Dupuy-Roudel: Magdalena war vor sechs Jahren meine Fremdsprachenassistentin in Frankreich, bevor sie Lehrerin wurde.
Stemplinger: Genau, das war 2018. Wir harmonierten im Unterricht sofort gut. Seitdem verbindet uns eine tiefe Freundschaft – beruflich und privat. Für mich ist das die Grundlage, um ein solches Projekt zu stemmen. Die Organisation eines Schüleraustauschs ist anstrengend und fordert viel Einsatz. Das funktioniert nur mit jemanden, mit dem ich mich pädagogisch und menschlich verstehe.
Dupuy-Roudel: Da stimme ich zu. Ein Austausch funktioniert nur, wenn man sich auf allen Ebenen versteht. Es ist nicht nur ein Schüler-, sondern auch ein Lehreraustausch. Die Lehrkräfte wohnen bei uns, wir verbringen zehn intensive Tage zusammen. Schon während Magdalenas Zeit als Fremdsprachenassistentin haben wir über einen Schüleraustausch gesprochen. Ich hatte zuvor bereits Projekte mit anderen Partnerschulen, auch in Süddeutschland, durchgeführt.
Wie hat sich Ihr Austauschprojekt entwickelt?
Stemplinger: Der erste Austausch 2023 war stark touristisch geprägt. Wir hatten ein volles Programm: Dune du Pilat, Arcachon-Bucht, Bordeaux. Doch wir merkten, dass die Jugendlichen wenig miteinander ins Gespräch kamen. Sie standen nebeneinander, tauschten sich aber kaum aus. Uns wurde klar: Wir müssen anders arbeiten, um echte Kontakte zu fördern. Deshalb machten wir eine Fortbildung beim Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW) und lernten neue pädagogische Methoden kennen. Für den zweiten Austausch 2025 reduzierten wir das touristische Programm stark und legten den Fokus auf Aktivitäten, die den Austausch zwischen den Jugendlichen fördern Das Ergebnis: tiefere Verbindungen, die bis heute halten, und neue Freundschaften, die es beim ersten Mal so nicht gab.
„Echte Nähe entsteht nur durch solche Begegnungen.“
Können Sie ein Beispiel für die neuen Methoden geben?
Stemplinger: Wir haben viele nonverbale Aktivitäten eingebaut, die den Kontakt von Anfang an stärkten. Besonders der „Open Space“ war ein Erfolg: Die Jugendlichen boten Workshops zu ihren Hobbys an wie Schach, Schmuck basteln oder Zeichnen. Über diese Interessen kamen sie schnell ins Gespräch. Ein gemeinsamer Moment im Kunstsaal unserer Schule ist vielleicht weniger spektakulär als ein Ausflug in die Altstadt von Bamberg, aber es bleibt im Gedächtnis. Einen touristischen Urlaub können die Jugendlichen immer machen. Doch echte Nähe entsteht nur durch solche Begegnungen.
Dupuy-Roudel: Sehr bewegend war auch die Aktion mit den Briefen. Wir hängten Umschläge mit den Namen aller Teilnehmenden an die Wand. Jeder konnte Nachrichten hineingeben. Am Ende nahmen alle die persönlichen Botschaften mit nach Hause. Das war für viele ein Highlight.
Wie lange dauerte die Vorbereitung und wer unterstützte Sie dabei?
Dupuy-Roudel: Etwa anderthalb Jahre. Es ist viel Arbeit, fast täglich gibt es etwas zu organisieren. Unsere Schulleitung unterstützte mich sehr, ebenso einige Kolleginnen und Kollegen.
Stemplinger: Ich arbeite 80 Prozent und habe einen freien Tag pro Woche. In dem Jahr, in dem ich den Austausch organisierte, nutzte ich diesen Tag dafür. Ich organisierte den Frankreich-Austausch also ehrenamtlich. Doch es lohnte sich. Als ich die Jugendlichen bei der Abschlussfeier sah, wusste ich, dass jede Minute gut investiert war. Lokale Partner in Nürnberg unterstützten unsere Schule: Das Theater Salz und Pfeffer bot günstige Tickets an, ein Lebkuchenfabrikant organisierte einen Workshop und das Jugendzentrum stellte Räume zur Verfügung.
Wie finanzierten Sie den Schüleraustausch?
Dupuy-Roudel: In Frankreich waren die Fördermöglichkeiten begrenzt. Das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) und die Schule unterstützten uns, die Eltern trugen einen Teil der Kosten.
Stemplinger: In Deutschland bekamen wir zusätzliche Mittel vom Bayerischen Jugendring und der Stiftung Jugendaustausch Bayern. Dadurch zahlten die Eltern unserer Schüler nur 80 bis 100 Euro, während es in Frankreich etwa 300 Euro waren. Diese Ungleichheit störte uns.
„Es geht nicht um Urlaub, sondern um eine kulturelle Erfahrung, die auch mal herausfordert.“
Die Unterbringung erfolgte in Gastfamilien. Wie funktionierte das?
Dupuy-Roudel: Insgesamt gut, es gab keine größeren Probleme. Aus den Erfahrungen des ersten Austauschs lernten wir, Konflikte früh zu erkennen und zu lösen.
Stemplinger: Wir haben den Eltern klargemacht, was sie erwarten können und was nicht. Die Schüler benötigen kein eigenes Zimmer, eine Matratze auf dem Boden reicht. Es geht nicht um Urlaub, sondern um eine kulturelle Erfahrung, die auch mal herausfordert. Während des Schüleraustauschs machten wir regelmäßig einen ‚Wetterbericht‘: Wir trennten die Gruppen und besprachen Schwierigkeiten. Oft beschäftigten sie dieselben Probleme, etwa die Scheu, nach einem Handtuch oder mehr Essen zu fragen. Zu wissen, dass andere ähnliche Themen haben, stärkte die Jugendlichen.
Welche Veränderungen nahmen Sie bei den Jugendlichen wahr?
Stemplinger: Manche waren anfangs schüchtern und unsicher, ob sie das schaffen. Jetzt treten sie selbstbewusster auf und überlegen, nach der Schule ins Ausland zu gehen. Das freut mich besonders.
Dupuy-Roudel: In diesem Jahr hat sich viel getan. Ein Jugendlicher sagte bei der Abschiedsfeier: ‚Der Schüleraustausch war der schönste Moment meines Lebens.‘ Viele Schülerinnen und Schüler sind reifer und offener geworden. Sie haben etwas erlebt, das sie für immer verbindet. Meiner Meinung nach geht es bei einem Austausch nicht nur um die Länder Deutschland und Frankreich, sondern darum, andere Kulturen zu entdecken. Gerade in der heutigen Zeit ist das wichtiger denn je.
Was brachte Ihnen der Austausch persönlich?
Stemplinger: Ich habe durch das Organisieren, Gäste empfangen und Reisen leiten neue Seiten an mir entdeckt. Dieses Gefühl, aktiv zur Demokratisierung und Offenheit in Europa und der Welt beizutragen, ist erfüllend. In der schulischen Bildung sollten wir in der heutigen Zeit dafür einstehen, Türen zu öffnen, nicht zu schließen.
Dupuy-Roudel: Bei der Organisation merkte ich, dass ich gut mit vielen unterschiedlichen Partnern zusammenarbeiten kann. Ich lernte, die Ideen der anderen anzuhören und Kompromisse zu schließen. Als Lehrkraft unterrichtet man meist allein. Für ein solches Projekt muss man offener sein.
Planen Sie weitere gemeinsame Austauschprojekte?
Stemplinger: Auf jeden Fall! Nach einem Pausenjahr prüfen wir, ob wir 2027 einen dritten Austausch organisieren.